Normalerweise, liebe Leserin und lieber Sammler
(Frauen lesen und Männer sammeln), steht an dieser Stelle eine ausgemachte
Expertenmeinung – dem malerischen Anlass entsprechend eine recht schönfärberische
obendrein.
Eine solche einzuholen, bedarf es aber einer gewissen Distanz zur Ehrlichkeit,
die der Hannah Stippl nun aber vollends fehlt. So, wie ja die Experten, um
den Überblick zu bewahren, immer in einer gewissen Entfernung, sprich
in einem wohl ausgebildeten Abstandsverhältnis zum Gegenstand ihrer Expertise
zu stehen pflegen.
Schon als Kinder bekommen wir beigebracht, dass Gemälde den richtigen
Abstand brauchen. Wir fahren mit der Schulklasse nach Paris, gehen in ein
Museum, sehen dort ein Bild von Claude Monet hängen. Und die Frau Lehrerin
und der Aufseher sorgen dafür – übrigens aus ganz entgegengesetzten
Gründen -, dass wir nur ja nicht zu nahe herantreten. Das Bild muss man
von hier betrachten. Nicht von hier, von dort! Von dort hinten!
Dabei fürchtet der Aufseher die Gefahr, die vom Besucher für das
Bild ausgeht. Und die Frau Professor fürchtet umgekehrt die Gefahr, die
das Bild für ihre Schützlinge darstellt. Es könnte ja sein,
so ihre Sorge, dass die Schüler vom Chaos der Pinselstriche ganz verwirrt,
verstört werden. Dass sie sich in dem Wirrwarr der über- und untereinander
gelegten Farben verlieren und nicht mehr herausfinden. Längst hat die
versierte Pädagogin gemerkt, dass von der großen Leinwand etwas
gefährlich Anarchisches ausgeht, das die jungen Staatsbürger in
ihrer Entwicklung zur Anpassung behindert. Von hier aus, also von weitem,
so argumentiert sie mit aller geheuchelten Naivität, nur ganz aus der
Ferne, erkennt man ja das Wesentliche. Und sie meint damit allen Ernstes die
Seerosen. Wir sind immer noch bei Monet. Genug davon.
Maler – im Gegensatz zu den Experten – sind nur bedingt als Subjekte
einer Untersuchung über die Malerei tauglich. Wenn man selbst Bilder
malt, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als gelegentlich nahe heranzutreten.
Das gewöhnt man sich nun aber so sehr an, selbst bei fremden Werken,
dass man immer wieder in die peinliche Situation gerät, in den Museen,
bei den Wärtern und den Lehrpersonen Alarm auszulösen.
Indem hier also unkonventioneller Weise einmal ein Maler über eine Malerin
zu sprechen anhebt, gerät die Bildbetrachtung natürlich unversehens
zu einem Annäherungsversuch. Aus gutem Grund übrigens, denn von
weitem glaubt man tatsächlich es handle sich dabei um so etwas ähnliches
wie die berühmten Seerosen des großen Impressionisten. Und dann
wundert man sich, warum das heutzutage noch Konjunktur hat. Naja, die Experten
wundern sich halt.
Aus nächster Nähe betrachtet ist es aber etwas ganz anderes als
von weitem vermutet. Das lässt sich leicht bei einem Besuch feststellen:
Claude Monet in seinem wunderschönen Garten draußen in Giverny
bei Paris zu Beginn des letzten Jahrhunderts, und Hannah Stippl in ihrem wunderschönen
Atelier in Wien zu Beginn des neuen Jahrtausends. Monet an der Schwelle zur
formlosen Abstraktion, zu dem um 50 Jahre vorweggenommenen Informel, malt
immer noch seine sehr konkreten Seerosen. Dass weiß er. So aufgelöst
und diffus diese auch am Ende ausschauen mögen.
Hannah Stippl, 50 Jahre nach der Erfindung der informellen Malerei, weiß
nun nicht, was sie tun soll. Und das ist der entscheidende Unterschied, der
sie zur zeitgenössischen Künstlerin macht. Wir leben ja –
am Rande bemerkt – in einer Zeit des Fatalismus. Es gibt keine Utopien
mehr, keine Visionen und keine Investitionen. Alles, was man uns zu bieten
hat, ist ein Sparprogramm und eine ausgemachte Spießbürgerpolitik.
Ich sage das deshalb, weil die Kunst seit jeher die politische Opposition
ist und sein muss.
Und weil auch eine Malerei, so subtil sie auch immer ist, erst dann zur Kunst
wird, wenn sie da im rechten Augenblick richtig reagiert. Claude Monet hat
in einer Zeit der industriellen, technischen und nationalstaatlichen Euphorie
im Europa vor dem ersten Weltkrieg – Blumen gemalt. Und zwar so, dass
sie sich beim Näherkommen in nichts als Farbe auflösen.
Hannah Stippl macht es ganz umgekehrt. In einer Zeit der wissenschaftlichen
wie gesellschaftlichen Frustration inmitten eines zwischen Einigungs- und
nationalistischen Separationsbestrebungen zerrissenen Europa malt auch sie
Blumen, aber so, dass man zunächst nichts als diffuse Farbe sieht und
erst beim Herantreten exakte schablonenhaft applizierte Blumenarrangements
erkennt. – Hannah Stippl: der umgekehrte, der spiegelverkehrte Monet.
Und in der Mitte zwischen dem alten Maler und der jungen Malerin, von beiden
gleich weit entfernt, die Symmetrieachse: abstrakter Expressionismus und Informel.
Und um das Gleichnis zur Geometrie auf die Spitze zu treiben, sei die These
gewagt, auch der gesellschaftliche Hintergrund erscheint uns gespiegelt. Nationalistische
und chauvinistische Tendenzen da wie dort, aber hier und heute aus Frustration.
Damals aus Euphorie.
Als ein Bild für Rückwärtsbesinnung, Konformität und Bürgerlichkeit
erscheint uns das Blumenbildnis. Und das Bestreben der nonkonformistischen
Künstler ist dessen Auflösung. Monet fordert uns dazu auf –
dem Aufseher und der Frau Lehrerin zum Trotz -, näher zu kommen. Hannah Stippl schickt uns, nachdem wir angesichts der Blumenfülle – die
Dosis macht das Gift – erschrocken sind, wieder auf Distanz.
Der bürgerliche Salon, Schreckenskabinett aller Künstler seit wir
den Begriff Avantgarde kennen, wird seitdem von diesen auch immer wieder umgedreht,
nach außen gestülpt und misshandelt. Und auch Hannah Stippl geht
da ganz offensiv vor, indem sie den Wanddekor herunternimmt und damit nach
Gutdünken verfährt. Ihre Bilder sind hypertroph-monströse Tapeten.
Und dann kommt die Stuckdecke dran. Sie wird von ihr in Einzelteile zerlegt
und zerdrückt, gequetscht und an die Wand gehängt.
FNaja, von Weitem fühlt sich die Aufsichtsperson noch wohl. Es geht ihr
wie in der Orangerie in Paris vor den Seerosen. Mittlerweile haben wir gelernt,
abstrakte, formlose und gestische Malerei zu verstehen. Und so treten wir
ohne Scheu näher. Doch halt, was soll das? Wild gewordene Blümchentapeten,
mit Walzen aufgetragene Muster und Wiesenstücke ohne Horizont und ohne
Rettung. Auch die Idylle kann zur Schreckensvision werden. Es kommt eben auf
die Dosis, es kommt auf die richtige Distanz an. Wer demnach nicht weitsichtig
ist und darüber hinaus keine Angst hat vor subversiven Erkenntnissen
– Allergiker ausgenommen- sollte den vorliegenden Katalog jedenfalls
einmal etwas näher unter die Augen halten.