Ich danke für die Einladung und freue mich sehr
heute ein paar einleitende Worte zur Ausstellung zu sprechen zu dürfen.
Einerseits natürlich weil ich die Arbeit von Hannah sehr schätze und
immer wieder neugierig bin, wie sich ihre Werk weiterentwickelt und andererseits
weil ihre Oeuvre auch ein Beispiel für die zeitgenössische Relevanz
von Malerei ist. Mehrmals seit den russischen Konstruktivisten wurde die Malerei
als Technik oder das Tafelbild als Medium für obsolet oder so gar tot erklärt.
Edelbert Köb, Direktor des Museums moderner Kunst wurde, gemeinsam mit
dem damaligen Rektor der Akademie der bildenden Künste, Carl Pruscha als
Totengräber der Malerei bezeichnet, als er an der Akademie eine Foto —
und eine Medienklasse einrichtete. Es wurde als Angriff auf die Substanz der
Kunst gewertet. Demgegenüber steht allerdings eine vitale und ungebrochene
Kontinuität der malerischen Praxis vieler zeitgenössischer Künstler
und Künstlerinnen, so wie die stets euphorisch reklamierte Wiedergeburt
der Malerei zu den verschiedensten Zeiten. Was Toni Stooss den ersten Direktor
der Kunsthalle Wien veranlasste von der Malerei als dem notorischen Lazarus
der jüngeren Kunstgeschichte zu sprechen.
Nun welche Rolle spielt Malerei in der zeitgenössischen Kunst heute? Die
Auseinandersetzung zwischen abstraktiver Kunst, so der Terminus dafür in
den 50er Jahren, und den Anhängern einer figurativen Malerei beeinflusst
durch die surrealistischen Tendenzen um Edgar Jéne im Art Club sind definitiv
vorbei –. Diese Diskussion war bereits medienübergreifend und betraf
nicht nur die Malerei, sondern auch Grafik und Skulptur. Dennoch die Gattungen
waren noch voneinander getrennt, in der Folge sprach man der Malerei oft ihren
Platz ab, Installationen, Neue Medien Fotografie und die Konzeptkunst reüssierten.
Die Neuen Wilden setzten konzeptuellen und feministischen Kunst der ausgehenden
70er Jahre eine, und das muss man auch erwähnen, männlich dominierte
expressive Malerei und dass im klassischen Tafelbild entgegen, ein pastoser,
gestischer Pinselduktus zeigte Malerei um ihrer selbst Willen. Die jüngere
Generation arbeitete in der Folge jedoch wieder stärker im gesellschaftskritischen
Diskurs oder sah ihr Werk im kunstimmanenten Kontext. Die Malerei suchte das
Crossover oder wurde nicht selten selbst zur Raumkunst wie dies unter anderem
in der Ausstellung Raum-Malerei in der Landesgalerie Oberösterreich zu
sehen war. Doch jenseits oder vielmehr inmitten all dieser Diskurse von einer
gesellschaftlich-relevanten Interaktion bis hin zur bloßen Selbstreferenz
ist die Tradition der Malerei eine ungebrochene, wenngleich sie uns seltener
als früher in der Form des reinen Tafelbildes gegenüber tritt, vielmehr
werden die Formen des Tafelbildes verändert und nicht selten mehrere Medien
miteinander vermischt, oder sie ist eine unter mehreren Ausdrucksmöglichkeiten,
denen sich die Künstler und Künstlerinnen bedienen.
Sind die ausgestellten Arbeiten von Hannah Stippl nun Tafelbilder im herkömmlichen
Sinn? Mit Malerei haben sich sicher etwas zu tun, doch weder gehören sie
in den Bereich der gestische wilden, expressiven Malerei, und auch nicht so
richtig, obwohl sie mitunter diesen zugeordnet werden in den konkreten Bereich
der Malerei. Vielmehr sind sie ein Beispiel für die Vielfalt oder mit einem
Terminus ausgedrückt für den Pluralismus in der heutigen Kunst der
wohltuend ehemalige Formalismen als obsolet erscheinen lässt. Sie selbst
nennt jedoch durchaus kunsthistorische Strömungen wie Minimal Art, oder
auch auf Konzeptkunst basierende Malerei als Ansatzmöglichkeiten bzw. Agnes
Martin und Christopher Wool als Vorbilder.
Hannah Stippl begann während ihres Studiums an der Hochschule, heute Universität
für angewandte Kunst mit Mustern zu arbeiten, zunächst waren es Streifen,
doch kam sie damit wie sie es selbst ausdrückt nicht zu dem, was sie eigentlich
mit der Malerei umsetzen wollte. Armeleutetapeten, nannte man einst die mit
Gummiwalzen erzeugten Muster, die Wohnräume, aber vor allem Stiegenhäuser
zierten und von der Künstlerin dort auch erstmals bewusst wahrgenommen
wurden. Eine regelrechte Jagd auf Gummiwalzen begann, heute besitzt sie ungefähr
200 davon. 1997 begann Hannah Stippl damit zu experimentieren, sich langsam
eine individuelle Formensprache damit zu erarbeiten, bis hin zu uns hier heute
eindrucksvoll präsentieren Werkserien von Gouachen auf Papier, großformatigen
Leinwandbilder und auch Rauminstallationen.
Hannah Stippl arbeitet dabei stets in Serien, dies ergibt sich zum Einem aus
rein technisch pragmatischen Gründen, andererseits braucht es einen so
die Künstlerin Anfang und ein serielles Arbeiten, um sich in ein Thema
einzuarbeiten und die Möglichkeiten der künstlerischen Umsetzung auszuloten.
Hier sehen wir die Serie mit dem Titel horizont, die 2002 entstand.
Die farbliche Intensität ihrer Bildflächen besteht darin, die Farben nicht nur nebeneinander
zu walzen, sondern in zahlreichen Schichten übereinander zu legen und diese
mit den dazu gemalten Schichten so dicht es geht mit einander zu verweben. Die
transparenten Lasuren ermöglichen das Hindurchscheinen unter Farbschichten,
opake Felder, lassen Farbe wieder verschwinden, indefinite neue Farbräume
entstehen. Wenngleich Wahrnehmungen von Landschaft, konkret hier einem von der
Künstlerin seit vielen Jahren bereisten Landstrich von Spanien, den Bildern
zu Grunde liegen, löst sich die Malerei davon sich dieser Wirklichkeit
in mimetischer Weise anzunähern bzw. Illusion von Realität aufrecht
zu erhalten. Die Künstlerin intendiert dabei sehr bewusst die Möglichkeiten
mehrdeutiger Lesbarkeit für den Betrachter. Als Reflexionen von Licht an
der Wasseroberfläche, als Blumenwiesen, Strauchgeflecht, als Webmuster,
im Sinne des Textilen oder eben als rein malerische Struktur. Von Landschaft
wird das Atmosphärische wiedergegeben, was sich auch in der bewussten Auswahl
der Palette ausdrückt. So findet sich in der Serie keine reines Rot, weil
es dass einfach so laut Hannah Stippl in dieser Landschaft nicht gibt. Landschaften
oder auch Sounds, Atmosphärisch Wahrgenommenes im Allgemeinen liegen auch
der zweiten in der Ausstellung gezeigten Serie Böschung, ebenfalls 2002
entstanden zugrunde. Landschaftliche Eindrücke verändern die Palette.
Die Arbeitsreise durch Californien von Santa Monica nach Santa Fé , lies
rosa schon fast pink in den Vordergrund treten und Musterwalzen mit Palmenmotiven
kamen zum Einsatz, die sich selbstverständlich bereits im Fundus der Künstlerin
befanden.
Hinweisen möchte ich auch auf die gerade im Entstehen befindlichen Arbeiten.
Serien von jeweils drei Bildern dicht aneinandergehängt, als horizontales
Band. Architektonische Strukturen, weite Horizonte und Walzenformationen an
undurchdringliches Dschungeldickicht erinnernd oder das was man sich weitläufig
darunter vorstellt, werden neben einander gesetzt. Anstelle der dicht gewebten
Struktur, tritt nun der Wechsel von freier, monochrom gemalter Fläche durch
die blass wie eine Erinnerung Walzenmuster hindurch scheinen zu dichten schwarzen
Ballungsräumen.
Nun haben wir die Künstlerin als Malerin kennen gelernt, doch ist es mir
auch sehr wichtig darauf hinzuweisen, dass Hannah Stippl selbst in vielen Projekten
kuratorisch tätig ist, sei es im Rahmen eines Austausches zwischen so unterschiedlichen
Kulturen wie dem Oman und Österreich oder als Kuratorin für die IG
Bildende Kunst.
Gerade in diesem Zusammenhang ist erst vor kurzem eine in die Zukunft weisende
Zusammenarbeit mit einer ähnlich aufgebauten Künstlervereinigung in
Budapest geschlossen worden. Oder ihr eigener Raum POOL in Wien der seit 2003
Raum bietet für österreichische und vor allem internationale Künstler
und Künstlerinnen. Erinnert sei auch an die gemeinsam mit Lorenz Saidler
gestalteten T-Shirts Resistence Where zum Auftakt der neuen Koalition in Österreich.
Auch in ihn der Gruppenausstellung "Abschreckung" in Steyr an der
die Künstlerin teilnimmt, die bereits am 27. Mai eröffnet, stellt
Hannah Stippl ihre Malerei ganz konkret in den Kontext einer gesellschaftskritischen
Position und arbeitet basierend auf ihren Walzenstrukturen mit militärischen
Camouflagemustern und Text. Ihre Arbeit im Arbeits-und Ausstellungsraum pool
konfrontierte die Künstlerin nicht selten mit der Endlichkeit österreichischer
Behörden im Falle von Visumsanträgen. Nun entstand daraus ein Spiel
Europoly - The European Idendity Trading Game.
Wie ich eingangs erwähnt habe, ist auch das Oeuvre von Hannah Stippl ein
Beispiel dafür dass Malerei eine von vielen Ausdrucksmöglichkeiten
einer jungen vitalen Künstlerschaft is, wenngleich es für Hannah Stippl
immer noch ein zentrales Medium bleibt. Eines mit einer großen Bandbreite.
Von einer selbst referenziellen Malerei durch das spezielle Verfahren des Pigmentauftrages,
bis zur Thematisierung gesellschaftliche Codierungen im Hinblick auf die Wandmalerei,
die sowohl für Geschmackfragen, jedoch auf für gewisse Schichten und
Zinshäuser in Wien und anderen geographischen Orten stehen, als dass sie
zu guter Letzt wollte man sie auf den Inhalt reduzieren zeitgenössische
Umsetzung der Landschaftsmalerei zeigen, jenseits der heute auch wieder modernen
narrativen, illustrativen Position. Doch all dies bestätigt, was der Literaturnobelpreisträger
und Maler Geo Xingjian in seinen „Gedanken zur Malerei“ bekannte:
"Ob Kunst mehr ist als leeres Gerede, entscheidet sich an der Oberfläche
des Bildes".